Der Begriff „Friend-Shoring" — geprägt durch die US-Finanzministerin Janet Yellen in einer vielzitierten Rede im April 2022 — beschreibt die geopolitisch motivierte Strategie führender Industrienationen, ihre Lieferketten auf politisch vertrauenswürdige Partnerländer zu konzentrieren. Was zunächst als Reaktion auf die COVID-19-bedingten Lieferkettenunterbrechungen und die geopolitischen Verwerfungen des Russland-Ukraine-Konflikts erschien, hat sich seither zu einem strukturellen, langfristigen Ordnungsprinzip der globalen Handelspolitik entwickelt. Zwei Korridore kristallisieren sich dabei als besonders investitionsintensiv und finanzierungstechnisch komplex heraus: erstens der Korridor Indien–Vereinigte Arabische Emirate (VAE), der als Brücke zwischen dem rasant wachsenden indischen Produktionssektor und den europäischen sowie afrikanischen Absatzmärkten fungiert; und zweitens der Korridor Mexiko–USA, der durch das Nearshoring-Phänomen — also die Verlagerung von Produktionskapazitäten aus Fernost an die US-amerikanische Nachbarschaft — zum wichtigsten Wachstumssegment des nordamerikanischen Handels geworden ist.
Der Korridor Indien–VAE: Finanzierungsarchitektur einer strategischen Partnerschaft
Indien und die VAE haben 2022 ein umfassendes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (Comprehensive Economic Partnership Agreement, CEPA) unterzeichnet, das den bilateralen Handel erheblich liberalisiert und das Potenzial einer deutlichen Ausweitung der Handelsbeziehungen schafft. Der bilaterale Warenhandel überstieg 2023/2024 bereits 80 Milliarden USD pro Jahr — mit erheblichem Wachstumspotenzial, insbesondere in den Sektoren Edelmetalle und Schmuck, Petrochemie, Pharmazeutika, Textilien und Maschinenbau.
Für die Handelsfinanzierung entstehen in diesem Korridor spezifische Strukturanforderungen. Indische Exporteure operieren primär in Indischen Rupien (INR), während die VAE-Seite in US-Dollar oder dirham (AED, de-facto USD-Peg) abrechnet. Das FX-Risiko INR/USD ist erheblich und muss durch geeignete Absicherungsinstrumente (Non-Deliverable Forwards, Cross-Currency-Swaps, strukturierte Optionsstrategie) adressiert werden. Für Finanzierungslösungen, die den gesamten Korridor abdecken, bieten sich strukturierte Multi-Currency-Fazilitäten an, bei denen eine VAE-Zweckgesellschaft (bevorzugt in Dubai oder dem ADGM domiziliert) als zentraler Finanzierungshub fungiert: Sie refinanziert sich in USD (am günstigsten im internationalen Kapitalmarkt), reicht Mittel zu INR-konvertierten Konditionen an die indischen Tochtergesellschaften weiter und sichert das Währungsrisiko über den indischen Devisenterminmarkt (reguliert durch die Reserve Bank of India, RBI) ab.
Steuerlich profitiert diese Struktur von dem 2016 modernisierten DBA zwischen Indien und den VAE: Dividendenzahlungen aus Indien in die VAE sind von indischer Quellensteuer befreit, sofern die VAE-Holding substanzielle Anforderungen erfüllt. Zinszahlungen auf konzerninterne Darlehen sind mit 12,5 % Quellensteuer belastet (reduzierter Satz unter DBA), was bei der Strukturierung von Intercompany-Darlehen zu berücksichtigen ist.
Der Korridor Mexiko–USA: Nearshoring-Boom und strukturelle Finanzierungsanforderungen
Die Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Mexiko hat seit 2020 dramatisch an Dynamik gewonnen. Getrieben durch US-Importzölle auf chinesische Güter, das USMCA-Handelsabkommen (nachfolger des NAFTA), kürzere Logistikwege zu US-amerikanischen Abnehmern und niedrigere Lohnkosten gegenüber asiatischen Standorten, hat Mexiko eine Welle ausländischer Direktinvestitionen (FDI) erlebt, die 2023 mit über 36 Milliarden USD einen historischen Rekordwert erreichte.
Für die Handelsfinanzierung entstehen in diesem Korridor erhebliche Kapitalbedarfe: Investitionen in Produktionsanlagen, Lagerinfrastruktur und lokale Zulieferernetzwerke müssen durch mittelfristige Projektfinanzierungen gedeckt werden. Laufende Warenexporte in die USA erfordern kurzfristige Trade-Finance-Lösungen (Akkreditive, Factoring, SCF). Die besondere Komplexität liegt im USD/MXN-Wechselkursrisiko: Der mexikanische Peso (MXN) ist erheblich volatiler als INR und unterliegt zyklischen Abwertungsphasen, die Finanzierungsstrukturen mit MXN-Verpflichtungen und USD-Einnahmen belastend beeinflussen können. Strukturierte Cross-Border-Factoring-Programme — bei denen ein US-amerikanischer oder europäischer Faktor die Mexiko-Forderungen eines US-amerikanischen Abnehmers gegenüber mexikanischen Lieferanten ankauft — haben sich als bevorzugtes Instrument für mittelständische Nearshoring-Unternehmen etabliert.
Hybride Finanzierungsinstrumente für Friend-Shoring-Strukturen
Die finanzielle Komplexität von Friend-Shoring-Korridoren erfordert hybride Finanzierungsinstrumente, die Eigenschaften klassischer Handelsfinanzierung (Kurzfristigkeit, Selbstliquidierungscharakter durch Warenerlöse) mit Elementen strukturierter Projekt- und Investitionsfinanzierung verbinden. Besonders verbreitet sind folgende Strukturen:
Structured Commodity Finance (SCF): Eine Form der Lieferketten-Finanzierung, bei der die Abtretung von Warenerlösen (Proceeds Assignment) als primäre Sicherheit dient. Gut geeignet für rohstoffbasierte Korridore (z. B. indischer Basaltexport in die VAE oder mexikanische Automobil-Teile in die USA), da der Cashflow aus dem Warenverkauf die Kreditrückzahlung strukturell sichert.
Receivables Purchase Facilities mit Currency Overlay: Kombinierte Strukturen, bei denen Exportforderungen in Lokalwährung angekauft und gleichzeitig in USD konvertiert werden. Der Currency Overlay — ein standardisiertes Währungsabsicherungspaket — wird direkt in die Fazilität integriert, sodass der Investor in USD investiert, ohne direkte FX-Exposure aufzubauen.
Bilateral Development Finance: Finanzierungen durch Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen (IFC, DEG, FMO, CDC) spielen im Indien-VAE-Korridor eine wichtige Rolle — insbesondere für sozial und ökologisch nachhaltige Lieferketten. Diese Institutionen bieten oft günstigere Konditionen und stärkere lokale Netzwerke als rein kommerzielle Banken.
Steuerliche Herausforderungen in grenzüberschreitenden Friend-Shoring-Strukturen
Grenzüberschreitende Friend-Shoring-Finanzierungen berühren mehrere steuerliche Komplexitätsbereiche. Verrechnungspreise für konzerninterne Warenlieferungen und Dienstleistungen müssen dem Fremdvergleichsgrundsatz entsprechen — insbesondere im Korridor Mexiko-USA, wo die mexikanische Steuerbehörde (SAT) und die US-amerikanische IRS intensive Transfer-Pricing-Audits durchführen. Im Korridor Indien-VAE sind Quellensteueroptimierungen für Zinszahlungen und Dienstleistungsentgelte durch sorgfältige Strukturierung der Finanzierungs-Holding in den VAE erreichbar. Unter Pillar Two ist in beiden Korridoren zu prüfen, ob die eingesetzten Zwischengesellschaften in VAE-Freizonen (mit effektivem 0 %-Steuersatz) die QDMTT-Anforderungen erfüllen oder ob eine Top-up-Steuer fällig wird.